Die Messerer zu Steinbach a. d. Steyr

Das ehrsame Handwerk der Messerer, Klingenschmiede und Schleifer in Steinbach a. d. Steyr

(c) Messerschmiede W. Hack

von Kons. Dr. Heinz Kieweg und Kons. Heinrich Kieweg (sen.)

„Steinbach an der Steyr, auch Messerer-Steinbach; schon anno 1450 war Steinbach eine nach Garsten gehörige Klosterpfarre, die Pfarrkirche dem heiligen Bartholomäus geweiht; der Ort sehr industriös und ehemals wohlhabend.“ So beschreibt Johann Lamprecht im Jahre 1863 das Dorf im schönen Steyrtal.

Schon im Mittelalter hatten sich Messerschmiede in Steinbach und Untergrünburg niedergelassen, einerseits weil der Steyrfluß hier günstig war für den Bau einer Wehranlage, andererseits weil hier mit der Ternberger Straße eine wichtige Verkehrsverbindung aus dem Ennstal in die Steyrtalstraße einmündete. Eine wichtige Rolle spielte auch die Grund- und Vogtherrschaft Steyr, welche an regelmäßigen Einkünften aus dem florierenden Handwerk interessiert war. Gemeinsam bauten die Handwerker eine Wehranlage für die Schleiferwerkstätte und nützten die Wasserkraft der Steyr zum Schleifen und Polieren ihrer Erzeugnisse.

Geht man über den Steg von Grünburg nach Steinbach, dann fällt zuerst rechterhand das Messerermuseum auf. Das ehemalige Fabriksgebäude der Messerer-Innung ist auf den Mauern der alten Schleiferwerkstätte erbaut, welche schon 1477 urkundlich erwähnt ist. Sie gehörte dem „ehrsamen Handwerk der Messerer, Scharsacher, Klingenschmiede und Schleifer im Stainpach“.  Eine Abbildung von 1693 zeigt an dieser Stelle ein gemauertes Schleiferhäusl und die niedrigen Blockhütten der sieben Schleifen mit ihren großen unterschlächtigen Wasserrädern. Darin saßen die Schleifer an ihren Schleifsteinen und Polierscheiben, sie schliffen und polierten allerlei Messer, Gabeln, Scheren und andere Stahlwaren wie Hacken und Ahlen.

Die Messererzunft zu Steinbach

„Das ehrsame Handwerk der kaiserlichen wohlbefreiten Messerer-, Scharsacher-, Klingenschmied- und Schleiferwerkstatt zu Steinbach“ hatte seinen Sitz in Steinbach an der Steyr. Zu dieser Zunft gehörten alle Meister dieser Gewerbe im Umkreis von zwei Meilen (= 15,4 km), also die in Steinbach, Grünburg, Leonstein, Molln, Waldneukirchen, Neuzeug, Sierninghofen, Sierning, Ternberg, Trattenbach, sowie vereinzelte Messerer in Losenstein, Bad Hall und Kremsmünster. Im Jahre 1782 umfasste ihre Zunft insgesamt 289 Meister mit 195 Gesellen und 159 Lehrjungen.

Die Meister der Schleifer, Klingen- und Messerschmiede zu Kremsmünster hatten allerdings 1510 von Kaiser Maximilian I. eine eigene Handwerksordnung erhalten. Aber schon 50 Jahre später bestand ihre Zunft in Kremsmünster nicht mehr, sie gehörten seither zur Zunft in Steinbach.

Bei den Messerern unterschied man Lang- und Kurzmesserer. Erstere erzeugten lange Messer, Jagd- und Tischmesser, während Kurzmesserer Taschenmesser, vor allem Federmesser („Schnapperl“ genannt, weil die Klinge durch die Feder zuschnappt) herstellten.

Spezialisierte Kurzmesserer waren die Scharsacher oder Schermesserer. Diese waren mit 30 bis 35 Meistern stets eine Minderheit in der Steinbacher Zunft und erreichten 1682 nach Streitigkeiten die Errichtung einer „Filiallade“ in Trattenbach bei Ternberg. Seither hatten die Scharsacher von Trattenbach, Steinbach und Grünburg eine eigene Zunft in Trattenbach. Sie erzeugten ursprünglich Schermesser (Rasiermesser), Taschenfeitel und Kneipe (Handwerkermesser für Schuster und Riemer). Anfang des 19. Jahrhunderts mußten sie die Herstellung von Rasiermessern wegen der starken Konkurrenz englischer, französischer und deutscher Firmen einstellen. Heute erzeugt in Trattenbach nur mehr die Firma Löschenkohl die bekannten Taschenfeitel, während die Firma Hack Tafelbestecke, Jagdmesser und Federmesser herstellt.

Landesfürstliche Privilegien

Landesfürstliche Privilegien schützten die Steinbacher Messerer- und Scharsachmeister bei der ungestörten Ausübung ihres Gewerbes, beim Einkauf ihres Bedarfes und beim Verkauf ihrer Erzeugnisse. Im Jahre 1462 verlieh Erzherzog Albrecht VI. von Österreich den Meistern der Messerer und Scharsachschmiede in Steinbach das Recht, allen Bedarf an Stahl, Eisen, Kohle, Buchsbaum, Messing, Getreide und Wein, wo sie das feil finden zu kaufen und hin nach Steinbach zu führen. Kaiser Friedrich III. hat ihnen dazu 1477 die „sonder Gnad getan“, dass sie, ihre Erben und Nachkommen daselbst in Steinbach allen Handel mit den Inwohnern und Ausländern treiben dürfen, wie es auch anderen Messerern in Märkten und Dörfern im Lande ob der Enns gestattet war.  Diese Rechte bedeuteten eine große Auszeichnung für Steinbach und begründeten den Wohlstand der Messerer. Denn sie waren nun nicht mehr von den Handelsherren der Stadt Steyr abhängig, sondern konnten ihre Produkte selbst verkaufen und den Handelsverdienst selbst behalten. In der Folge nahm der Fernhandel der Steinbacher Messerer einen großen Aufschwung.

Die Außenwand des Messerermuseums ist mit liebevoll erneuerten „Delphinen“ in Sgraffitotechnik geschmückt, die eher wie Meeresungeheuer aussehen. Diese alte Verzierung stammt aus dem 17. Jahrhundert und ist ein Hinweis auf den regen Handel mit Messerwaren nach Italien. Denn Sgraffito ist ein italienisches Wort und bedeutet „Kratzputz“. Italienische  Maurer folgten damals den Handelswegen der Messerer und brachten als Wanderarbeiter die Technik des Sgraffito in unser Land.

Verleger und Messerhandel

Die Handelsherren der Steinbacher Zunft nannte man Verleger. Das waren vermögende Messerermeister, die sich ganz auf den Fernhandel spezialisiert und die nötigen Handelsverbindungen aufgebaut hatten. Sie hatten Lieferverträge mit Klingenschmieden, Schleifern, Messerern und  anderen Eisenhandwerkern geschlossen, gaben ihnen Geldvorschüsse zum Ankauf des nötigen Materials und  besorgten den Verkauf ihrer Produkte. Die von den Verlegern abhängigen Messerer nannte man „Stückwerker“, weil sie um Stücklohn für ihren Verleger arbeiteten. Den Stückwerkern war der Messerhandel nicht erlaubt, da die Messer nicht ihr Eigentum waren.- Daneben gab es auch selbständige Messerermeister, die ihre Messerwaren selbst verkauften.

Die Klingenschmiede schmiedeten aus bestimmten Stahl- und Eisensorten die gängigen Messerklingen, ab dem 17. Jahrhundert auch Gabeln. Daneben fertigten sie im Mittelalter auch Schwerter-, Säbel- und Degenklingen für die Schwertfeger an. Die Klingen wurden dann zum Schleifer gebracht, der ihnen die richtige Schneide und Politur gab. Schließlich trug man die fertigen Klingen zum Messerer, der die Griffe montierte, feilte und glänzte, auch Messerscheiden herstellte und die fertigen Messer verkaufte.

Handelswaren der Messerer waren: Tisch-, Brot- und Stechmesser, Transchiermesser und –gabeln, Schnitzer, Kneip, Stilett und Waidmesser, Rasiermesser, Federmesser (Taschenmesser) und Taschenfeitel. Als Ende des 17. Jahrhunderts die Gabeln als Teil des Essbestecks in Gebrauch kamen, fertigten die Messerer und Klingenschmiede auch diese an. Tafelbestecke und Dessertbestecke  bestehend aus zusammengehörigen Messern und gabeln kamen damals in Mode. Die große Bedeutung der Messerer für die Eisengewerbe in der Eisenwurzen bestand jedoch darin, dass die Messererleger auch den Verkauf von Scheren, Feilen, Ahlen, Bohrern, Nägeln, Maultrommeln, Fingerringen und anderem „Geschmeide“ besorgten. Daher hatten die Messerer eine führende Stellung unter den Kleineisengewerben. Auch Leinen, Rupfen (grobe Leinwand) und Blei gehörten zeitweise zu ihren Handelswaren.

Die Verleger exportierten ihre Messer- und Stahlwaren nach Ungarn, Dalmatien, Serbien und in die Balkanländer, sowie nach Italien, Deutschland, Böhmen, Mähren, Schlesien, Polen und Russland. Sie besuchten regelmäßig die Jahrmärkte in Steyr, Linz, Enns, Freistadt, Krems, Wien, Brünn und Pest (Budapest). Ungarische Kaufleute tauschten vor allem Pfeffer gegen Messer, die sie in die Walachei und nach Siebenbürgen (heute Rumänien) weiterverhandelten. Die wichtigste Handelsstadt war jedoch bis ins 18. Jahrhundert die Lagunenstadt Venedig. Seit den Zeiten der Kreuzzüge galt Venedig als Zentrum des Handelsverkehrs zwischen Mitteleuropa und dem Mittelmeerraum. Die Handelsroute verlief durch das Steyrtal zur Pyhrnstraße, über den Pyhrnpaß, Rottenmanner Tauern und Neumarkter Sattel nach Friesach, von dort über St.Veit an der Glan und Villach nach Tarvis, der Fella entlang nach Gemona und von dort über Aquileja und Treviso nach Venedig. Nach der langen und gefahrvollen Reise nahmen die Händler Aufenthalt im Fondaco dei Tedesci („Warenhaus der Deutschen“) am Canale Grande, neben der Rialtobrücke. Es durfte nämlich kein Händler aus deutschen Ländern außerhalb davon wohnen oder Handel treiben.

Die Verleger tauschten ihre Stahlwaren gegen die begehrten „Venedigischen Waren“ ein: Vor allem wertvolle Gewürze wie Pfeffer, Zimt, Nelken und Kardamom, aber auch Seide, Samt, Baumwolle, Wein, Weinbeeren, Südfrüchte, Baumöl (Olivenöl), Spiegel, Glaswaren, Muscheln, Edelsteine, Weihrauch und wohlriechende Essenzen brachten die Händler heim ins Steyrtal. Mit Gewinn vekauften sie die „Venedigischen Waren“ im Lande ob der Enns.

Der gewinnbringende Handel verhalf den Messerern zu Glück und Wohlstand. Man sprach im 16./17. Jahrhundert sogar vom „goldenen Steinbach“. Nach örtlicher Überlieferung sollen die Messerer so reich gewesen sein, daß sie goldene Schuhbänder trugen! Vom Lebensstandard der Verleger zeugen ihre hübsch verzierten Bürgerhäuser am Dorfplatz in Steinbach, in Untergrünburg und Neuzeug. Als gutes Beispiel für Wohlstand führen wir den Steinbacher Verleger Christoph Aichperger an, der um 1570 genügend Kapital hatte, um ein Eisenbergwerk am Gaisberg bei Molln eröffnen zu können, gemeinsam mit dem ehemaligen Steyrer Bürgermeister Sebastian Pürschinger. Aichperger wohnte in Steinbach, Ortsplatz 10 (Hieslmayr).

Das Herrenhaus der Humpelmühle war Wohnsitz der geadelten Verlegerfamilie Gsellhofer. Wolf Sebald Gsellhofer war Messerer-Zechmeister und Amtsverwalter in Steinbach. Er erhielt 1637 vom Kaiser in Prag einen Wappenbrief. 1654 wurde er zu Regensburg in den Adelsstand erhoben, mit dem Titel „von und zu Gsellhofen“. Er organisierte den Handel mit Venedig neu und baute ihn größer aus. Nach örtlicher Überlieferung soll er am Heimweg von der Kirche den Tod gefunden haben, als ein Felsen beim Haus Weyergasse 10 (Windhager) herabstürzte und seine Kutsche unter sich begrub. Sein Sohn Hans Georg Gsellhofer wurde 1669 ebenfalls geadelt. Mitglieder der Familie wohnten auch in Grünburg und Sierninghofen.

Der Handelsstreit mit den Bürgern von Steyr

Der Handel mit Venedig galt als besonderes Vorrecht der landesfürstlichen Städte. Mit den privilegierten Steinbacher Messerern erwuchs diesen eine ernste Konkurrenz. Die Handelsherren der Stadt Steyr fühlten sich in ihrer „venedigischen Handlung“ in ihren Privilegien verletzt. Die Bürger von Steyr wandten sich 1526 an den Generallandtag zu Augsburg und beklagten sich über die Steinbacher Konkurrenz. Während des dreißigjährigen Krieges klagte der Rat von Steyr bei der Niederösterreichischen Regierung, die Stadt sei „in das Unvermögen und die vor Augen schwebende Armut“ geraten, weil der Handel mit Venedischen Waren wie Rupfen und Leinwand, Eisengeschmeide, Messer, Mandeln, Wein, Weinbeeren und Holz von der Stadt weg nach Steinbach, Kirchdorf, Micheldorf, Sierning, Sierninghofen und St.Peter in der Au gekommen sei.

So gelang es Steyr, 1639 eine kaiserliche Resolution zu erwirken, dass keiner Handel mit Venedischen Waren treiben solle, ausgenommen diejenigen, die dazu befugt, privilegiert und befreit waren. Dieses Patent nahmen die Steyrer zum Anlass, um allen Messerern der Steinbacher Zunft den Handel mit Venediger-Waren zu behindern. Die Steinbacher fühlten sich jedoch im Recht, hatte ihnen doch erst 1638 Kaiser Ferdinand III. all ihre Privilegien bestätigt. Sie beschwerten sich beim Kaiser „aufs höchste“ und brachten in Wien ihre Privilegien wieder in Erinnerung.

1643 bewilligte die Niederösterreichische Hofkammer der „Gmain Stainbach“, mit „allerhandt Venedischen Waren“ zu handeln. Dies bestätigte 1645 auch Kaiser Ferdinand III. Trotzdem ließ der Rat von Steyr, sobald sich eine Gelegenheit ergab, Waren Gsellhofers und anderer Steinbacher beschlagnahmen. 1664 ließ Steyr sogar den Hans Adam Gsellhofer, der sich auf der Reise von Steinbach nach Italien befand, einige Tage arretieren und seine Waren beschlagnahmen. Auch auf den Märkten von Steyr und Sierning gab es Streit, Verkaufsstände der jeweils anderen Händler wurden umgeworfen. Der Prozess zwischen Steyr und Steinbach zog sich mit wechselndem Verlauf bis 1756 hin, als Maria Theresia in einer Resolution endgültig zu Gunsten der Steinbacher Messerer entschied. Dieser „Sieg“ wurde in Steinbach mit einem dreitägigen Freudenfest gefeiert.

Zulieferer für das Messererhandwerk

Ein Großteil der Menschen im Steyrtal war wirtschaftlich von den Messerern abhängig. Wenn das Messererhandwerk florierte, hatten auch andere Berufsgruppen Arbeit und Brot. Als Zulieferer profitierten viele Gewerbe: Die Holzknechte hatten Hochbetrieb. Das Steinbacher Messererhandwerk hatte von alters her Holzberge am Gaisberg, am Buchberg und in der Zöblau von der Herrschaft Steyr gepachtet. Köhler brachten auf eigenen Fuhrwerken Holzkohle zum Feuern der Essen. Auch viele Bauern hatten bei ihrem Gut einen Kohlboden, sie hatten mit Holzarbeit, Köhlerei und Fuhrwerk einen sicheren Nebenverdienst. Gerade Bergbauern waren auf den Nebenerwerb angewiesen , um überleben zu können. Um die Kohlezufuhr zu sichern, hatte das Steinbacher Messererhandwerk das Haus Breitenau Nr. 1 („Messererhaus“) erworben, und im Dorngraben die Kohlstatt Forstau Nr. 70.

Die Werkzeug- und Zirkelschmiede erzeugten Hämmer und Zangen. Neigerschmiede  fertigten Bohrer an, Feilhauer die verschiedenen Feilen und Raspeln. Drahtzieher in Molln und Unterhimmel lieferten den Draht, das Messingwerk in Reichraming Messingblech und –stifte. Heftdrechsler drechselten aus Holz oder Horn Messerhefte, das sind Messergriffe aus einem Stück für die Messerer. Schalenschroter zerschnitten auf einer Spannsäge Holzplatten und Prügel in passende Teile für Griffschalen. Jäger lieferten Geweihe und Krickerl als Griffmaterial. Fleischhauer verkauften ausgekochte Rinderknochen und Hörner, die zu Messergriffen verarbeitet wurden, sowie Talg für die Herstellung der Polierpaste. Binder stellten die Weichholzfässer zum Versenden der Schmiedewaren her. Gerber lieferten das Leder für die Messerscheiden und zum Beziehen der Polierscheiben. Steinmetze brachen die großen Schleifsteine für die Schleifer aus Steinbrüchen der Umgebung, zum Beispiel im Tiefenbach bei Obergrünburg, beim Kleinrieder in Steinbach, bei Schlierbach, Pettenbach und Gleiss bei Sonntagberg NÖ. Fallweise mussten Zimmerleute die Schleifengebäude, Fluder, Wasserräder oder die Wehranlage ausbessern. Schließlich brachten Bauern der Umgebung, aus der Pernzell und anderen Orten Brot, Schmalz, Eier und andere Lebensmittel nach Steinbch zu den Messerern.

Stahl- und Eisenbedarf „Eisen, Kohl‘ und Brot bescher der liebe Gott“

Der überwiegende Großteil des Eisenbedarfes stammte vom steirischen Erzberg. Für die Klingenschmiede lieferten die Eisenhändler und ab 1563 die Steyrer Eisenkammer Scharsachstahl, Frimstahl und Zaineisen.

1986 dokumentierte Konsulent Heinrich Kieweg beim Haus Habichler, Pfarrhofstraße 9, Reste eines bäuerlichen Grubenrennfeuers, mit Eisenschlacken und Holzkohle, welche mit der C14-Methode auf 1640-1670 datiert wurde. Dieser Rennofen diente offenbar der Eisengewinnung. Damals herrschte großer Eisenmangel im Lande, die Schmiede waren deshalb wochen- und monatelang ohne Arbeit.  Das Erz dafür dürfte aus einem nahem Bergwerk stammen. Immerhin kauften später die Messerer auch direkt vom Hammerwerk im Gstadt bei Molln, welches Erz vom Bergwerk am Gaisberg verarbeitete, und vom Hammerwerk und Bergwerk im Wendbach bei Ternberg.

Auch in Steinbach gab es bis etwa 1879 ein montanistisches Zerrenn- und Streckhammerwerk. Der Besitzer stellte Zaineisen für die Messerer her und war auch Hufschmied.  Seine Werkstätte hatte zwei Hämmer und zwei Schmiedefeuer, sie lag flussaufwärts, direkt neben den Schleiferwerkstätten am Steyrfluß. Der Hammerschmied wohnte im Hammerschmiedhaus schräg gegenüber des Messerermuseums, heute Restaurant Alia, vorher Gasthaus zum Hammerschmied. Das Handwerk des Hammerschmieds wurde unrentabel, als um etwa 1860 die Eisenwalzwerke in der Haunoldmühle und in St.Nikola gegenüber der Humpelmühle in Betrieb gingen.

Die ersten Messerfabriken in Steinbach-Grünburg

Der Messerschmied Johann Guger gründete die erste Fabrik in Steinbach. Er kaufte 1871 das Haus Weyergasse 6 am Färberbach (Pressl), welches laut Grundbuch eine Schleiferwerkstatt war. Darin richtete er einen wasserbetriebenen Klingenbreithammer ein, im Volksmund „Gugerhammerl“ genannt. Zusätzlich pachtete er die Hammerschmiede am Steyrfluß und gründete so die „k.k.privilegierte Messer- und Scheerenfabrik Johann Guger in Steinbach“.  Bei Guger lernte der Messerschmied Johann Hack. Dieser trat 1885 in die Firma seines Bruders Josef Hack in Steyr, Sierningerstraße 50 ein, woraus später die Messerfabrik Hackwerke hervorging. Gugers Nachfolger Michael Grill übernahm 1886 den Betrieb, verlegte diesen jedoch 1891 nach Reichraming.

Der Klingenschmied Ferdinand Grasbon  erwarb 1866 vom Schleifermeister Franz Dernberger die Häuser Untergrünburg 32 und 33 (Meissnerhäuser). Daneben ließ er ein modernes Fabriksgebäude Untergrünburg 199 erbauen und gründete die erste Messerfabrik in Grünburg. 1910 mußte Grasbon wegen Schulden an M.Socker verkaufen. 1912 übernahm Julius Meissner die „Grünburger Stahlwarenfabrik Ges.m.b.H. Meissner“. 30 bis 40 Beschäftigte erzeugten wöchentlich etwa 3.600 Stahlbestecke. In der Wirtschaftskrise der „hungernden Zwanziger Jahre“ musste das Werk 1928 geschlossen werden. 1931 kaufte die Gemeinde Grünburg das Gebäude und baute es zu einem Wohnhaus um.

Niedergang der Eisengewerbe und Hilfsaktion 1892/93

Gleichzeitig mit dem Aufkommen der Fabriken kam es zum Niedergang der Eisengewerbe. Die vielen kleinen Klingenschmiede und Messerer konnten mit der billigeren Massenfertigung der Fabriken nicht konkurrieren und verarmten. „Trotz der täglichen Arbeitszeit von 14-16 Stunden, trotz des beispiellosen Fleißes und der Geschicklichkeit der Arbeiter, sind dieselben nicht im Stande, das für das Leben Notwendigste zu verdienen … Die kleinen Schiede, welche der Innung die Messer liefern, müssen von 4 Uhr früh bis 7 Uhr abends fleißig arbeiten um ihr Leben in der denkbar kargsten Weise fristen zu können.“ (Bericht des k.k. Gewerbeinspektors Schromm 1880). Über Anregung des Steyrer Gewerbevereines und tatkräftiger Förderung durch die Handelskammer kam schließlich 1889 eine Hilfsaktion für das notleidende Eisengewerbe um Steyr zustande. Der Staat, das Land und die betroffenen Gemeinden bildeten einen Hilfsfond.

1892/93 wurde in Steinbach die alte, baufällige Schleiferwerkstätte abgerissen und durch einen größeren Fabriksbau ersetzt. Die Steinbacher Schleifer arbeiteten in der Zeit des Umbaues in Neuzeug.  Damit entstand das moderne Fabriksgebäude, in dessen nördlichem Teil nun das Messerermuseum untergebracht ist. Darin wurde eine Manufaktur mit moderner Schleiferei und Poliere, einer Stanzerei und später einer maschinellen Schmiede eingerichtet. Auch die Mollner Maultrommelmacher erhielten damals eine neue Werkstätte. Die Meserschmiede, Schleifer und Scherenschmiede hatten sich mit dem letzten Verleger Kaindl-Hönig in einer Genossenschaft vereinigt. Die „Messerer-Innung“ überdauerte die Wirtschaftskrisen und löste sich erst 1956 auf. Die Firma Kerschbaumer als letzte der Innung sperrte 1965 zu.

Die Messerfabrik Ludwig Werndl’s Nachfolger Mach & Dworczak

In Steyr hatte Ludwig Werndl, ein Bruder des Industriepioniers Josef Werndl, von 1876 bis 1880 eine Messerfabrik im Wehrgraben, wo heute das „Museum Industrielle Arbeitswelt“ ist. Zwei Angestellte Werndls, nämlich der Werkführer Johann Mach und der Buchhalter Josef Dworczak, gründeten 1880 in Steinbach die Messerfabrik „Ludwig Werndl’s Nachfolger Mach & Dworczak“. Sie kauften dazu die Hammerschmiede am Steyrfluß, bauten diese und alte Schleifen zu einer Fabrik um und richteten sie mit modernen Maschinen, Schleifsteinen und Polierscheiben nach Solinger Art ein. 1899 waren 77 Personen beschäftigt, zeitweise sogar über 100. Die Firma hatte einen hervorragenden Ruf und erzeugte ein reiches Sortiment feiner Klingen und Gabeln aus Gußstahl, auch Halbfabrikate für Besteckfabriken, zum Beispiel für die Berndorfer Metallwarenfabrik. 1923 verpachtete Johann Mach die Fabrik an die Firma Simon Redtenbachers Witwe & Söhne, welche in Steinbach eine bescheidene Messererzeugung mit 30 bis 50 Beschäftigten aufrechterhielt. Während der Wirtschaftskrise wurde der Pachtvertrag 1929 gelöst, worauf das Werk bis September 1933 stillstand.

Die Messer- und Stahlwarenfabrik Franz Pils & Söhne

1933 kaufte Franz Pils die ehemalige Messerfabrik Mach in Steinbach. Die „Messer- und Stahlwarenfabrik Franz Pils & Söhne“ stieg zur drittgrößten Messerfabrik des Landes auf, mit einer Exportquote von 80 Prozent und bis zu 190 Beschäftigten, die großteils in den umliegenden Gemeinden wohnten. 1967 musste die Firma Pils den Konkurs anmelden. 111 Beschäftigte wurden arbeitslos und waren gezwungen, sich auswärts um Arbeit umsehen. Das Fabriksgebäude stand hierauf lange leer. Erst im Zuge der Bemühungen um die Steinbacher Dorferneuerung gelang es, die Hallen zu renovieren und Firmen darin anzusiedeln.

Das Messerermuseum in Steinbach a.d.Steyr

1998 eröffnet und romantisch am Steyrfluß gelegen, zeigt das Messerermuseum am Beispiel der Messerschmiede die Bedeutung der Kleineisengewerbe für die Menschen der Region Eisenwurzen. Schmiedetechnik einst und jetzt wird in der ehemaligen Innungsschmiede gezeigt, die vielfachen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Verflechtungen der Messerer, der Mythos vom „goldenen Steinbach“ und die alten Zunftherrlichkeit, die Firmen und ihre erstaunlich weitreichenden Handelsverbindungen. www.messerermuseum.at

Messerschmiede heute

Heute gibt es im Steyr- und Ennstal leider keine Messerfabrik mehr. Von ehemals 212 Messerern, die man 1828 im Bereich der Steinbacher Zunft zählte, sind heute nur noch fünf Messerhersteller übrig.

Die Firma Harald Ebert in Steinbach verkauft Tafelbestecke mit Griffen aus Hirschhorn, Gnicker (Stilett mit Hirschhorngriffen, beliebte Jagd- und Trachtenmesser) sowie Hirschhornknöpfe.

Die Firma Messerer-Schwarz in Molln erzeugt Tafelbestecke mit Griffen aus Hirschhorn und Edelhölzern sowie Gnicker. Interessant ist die alte Messerwerkstätte, wo Ludwig Schwarz von 1904 bis 1914 die „Erste oberösterreichische Taschenmesserfabrik“ betrieb. Bis 1906 war Georg Kerschbaumer aus Steinbach Teilhaber.

Die Firma Otto Hack GmbH in Trattenbach bei Ternberg stellt Tafelbestecke, Stilett (Gnicker), Jausen-, Gemüse- und Küchenmesser sowie mehrere Arten Federmesser (Taschenmesser) her.

Ebenfalls in Trattenbach erzeugt die Firma Johannes Löschenkohl sechs Sorten von Taschenfeiteln – eine besondere Attraktion bei den Führungen „im Tal der Feitelmacher“ ist die alte Werkstatt mit Transmission, Federhammer, Stanze, Scheuertrommeln etc.

Die Firma Herwig Zöserl in Reichraming betreibt neben der Schlosserei auch eine Produktion von Tafelbestecken, Gemüse- und Jausenmesser sowie Taschenfeiteln.

Quellenverweis:

Margit Prömer, Messererzeugung in Steinbach an der Steyr, phil.Diss. (ungedr.), Graz 1999

Heinrich Kieweg sen. und jun., Steinbach an der Steyr, Heimatbuch, Gemeinde Steinbach a.d.Steyr Eigenverlag 2005

Heinrich Kieweg sen. und jun.: Das ehrsame Handwerk der Messerer, Klingenschmiede und Schleifer in Steinbach an der Steyr. In: Bezirk Kirchdorf – Naturregion im Aufbruch, Trauner Verlag Linz, undatiert (1998?), 146 ff.

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